„No Copy“ ist dennoch ein profunder und faktenreicher Bericht aus dem Inneren der digitalen Sphären, der sich eindeutig positioniert, dessen Argumente deshalb aber nicht falsch sein müssen. Immer wieder kommen die Autoren auf die frei flottierenden Daten als quasi konstituierendes Element einer funktionierenden, sich ständig weiterentwickelnden Computerwelt zurück. Denn so nahm alles seinen Anfang, als schraubende und lötende Technikfreaks, die sich Hacker nannten, in den 1950er Jahren kleine elektronische Systeme erschufen und ihre Arbeit anderen kostenlos zur Verfügung stellten.
Später dann, in den 1970ern, die ersten Hacker, die ihr Know-how zu Geld machen wollten: Steve Jobs gründete Apple und verscherbelte Hardware, Bill Gates gründet Microsoft und verscherbelte Software – entgegen den bisherigen Gepflogenheiten einer freien, von allen verfügbaren und veränderbaren Software. Gates war es auch, der in einem „Open Letter“ erstmals diejenigen des Diebstahls bezichtigte, die nicht bezahlte Software nutzten und weiterverbreiteten.
Die Hacker und Cracker von heute werden vom Wettbewerb ums „schnellste Release“ ziemlich auf Trab gehalten. Bei aller Freiheitsliebe aber wollen sie keine Anarchisten sein, sie sind auch nur Menschen, die Freude haben am demontieren, verbessern und kreieren und partout nicht einsehen, weshalb die digitale Kopie für alle Beschränkungen unterliegt. Da geht es ihnen wie Jan Krömer und Evrim Sen, die Gründe finden für Open Source-Programme und Filesharing: Nach dem Prinzip der Selbstregulierung gilt, dass die Qualität steigt, je mehr sich beteiligen; Wikipedia als anerkannte freie Enzyklopädie ist ein Beispiel. Auf illegale Tauschbörsen bezogen: Die Gefahr des Erwischtwerdens verringert sich, je mehr Nutzer beteiligt sind; „Kollektivierung von Risiko“ nennt sich das. Gegen die Kriminalisierung von allen, die sich beim Umgang mit Raubkopien schuldig machen, wendet sich dieses Buch mit Vehemenz. „No Copy“ versammelt sehr präzise Argumente, auch weniger schlüssige Rechtfertigungen. „Alles gehört allen“, bejubelten die beiden Autoren jüngst in einem Zeitungstext das Potenzial des Internets und erträumten den „Dot-Communism“. Das World Wide Web als Ort der Reanimation einer längst zu Grabe getragenen Utopie? Kommunismus, was war das schnell noch mal? Wikipedia informiert.