OPERATION FASTLINK
Nur einen Monat später traf es die Szene erneut. Diesmal wieder in einem weltweit koordinierten Bust, der alle bisherigen in den Schatten stellen sollte. 30 Behörden auf der ganzen Welt, darunter das FBI und das Bundeskriminalamt, hatten, von der Szene unbemerkt, vier separate Undercoverermittlungen durchgeführt.
Am 21. April 2004 fanden sie in der "Operation Fastlink" ihren Höhepunkt. Mehr als 120 Durchsuchungen wurden durchgeführt, 200 Computer beschlagnahmt: In Belgien, Frankreich, Dänemark, Singapur, Ungarn, Israel, den Niederlanden, Schweden, Großbritannien, Deutschland und den USA mußten fast 100 Szenemitglieder feststellen, daß ihre sorgfältigen Sicherheitsmaßnahmen sie nicht schützen konnten. "Der Umfang der internationalen Koordination und Kooperation bei diesem Schlag ist beispiellos und eine klare und unmißverständliche Nachricht an alle Raubkopierer, daß sie nicht länger durch geographische Grenzen geschützt sind", sagte US-Justizminister John Ashcroft im April 2004. "Es ist unsere Pflicht, diesen Diebstahl zu bekämpfen, und wir werden die Diebe verfolgen, ganz gleich, wo sie sich aufhalten."41
Den genauen Ablauf der Ermittlungen gaben die Behörden nicht bekannt. Die Liste der gebusteten Release Groups las sich jedoch wie ein "Who is Who" der Szene. Das bekannteste Opfer war die legendäre Gruppe FairLight. Sie war bereits 1987 gegründet worden und hatte sich seitdem durch das Releasen vieler Gamez einen außerordentlichen Ruf in der Szene erworben. Sogar vielen Gelegenheitskopierern außerhalb der Szene war der Name ein Begriff. Außerdem betroffen waren die Gruppen CLASS, DEViANCE, Project X, die MP3-Group aPC sowie Kalisto und Echelon, die sich auf das Cracken und Verbreiten von Konsolenspielen spezialisiert hatten.
Sofort setzte sich die übliche Maschinerie von Rücktritten und Kampfansagen in Gang. Einer der großen Namen der deutschen Moviez-Szene, Souldrinker, verabschiedete sich mit einem nachdenklichen NFO: "Die aktuelle Situation und die letzten Ereignisse geben uns Anlaß, uns aus der Scene komplett zurückzuziehen. (…) Nichts in der Scene ist das Risiko wert, sein Leben damit zu ruinieren."42
Einige Tage später meldete sich FairLight zu Wort und gab zu, daß die Operation Fastlink die Szene ins Herz getroffen habe. Sie zollte den Ermittlern sogar Respekt, den Kern der Szene aufgespürt zu haben. "Sie machen ihren Job, und wir jammern nicht. Im Krieg fangen sich Leute Kugeln ein - wir sind darauf vorbereitet! Wenn ihr den Anblick von Leichensäcken nicht ertragen könnt, tretet einen Schritt zurück und laßt die richtigen Männer die Arbeit für euch erledigen", erklärte FairLight damals in gewohnt dramatischem Tonfall.
Auszug aus FairLights Council Statement
Die gebusteten Szenemitglieder zeigten sich dagegen weniger kämpferisch. Viele kooperierten mit den Behörden und bekannten sich schon zum Prozeßauftakt schuldig, um einer langjährigen Haftstrafe zu entgehen. Angeklagt wurden unter anderem die New Yorker Jeffrey Lerman und Albert Bryndza sowie Seth Kleinberg aus Kalifornien. Lerman war Ripper bei der Release Group Kalisto, wo er Konsolenspiele in ein handliches Format brachte, um sie leichter übers Internet verbreiten zu können. Bryndza war Courier und betrieb selber zwei FTP-Server zum Austausch von Schwarzkopien. Kleinberg war unter dem Namen basilisk ein umtriebiges Senior Member bei den Gruppen FairLight und Kalisto. Er betätigte sich nicht nur als Cracker und Courier, er war auch als Supplier der Release Groups aktiv. Als Chefredakteur beim Online-Spielemagazin Game Over hatte er stets Zugriff auf die neusten Spiele, häufig noch bevor sie im Handel erhältlich waren. Alle drei Szenemitglieder bekannten sich im März 2005 schuldig.
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